Mittel-, Ost- und Südosteuropa sind keine einheitliche Region. Zwischen Prag und Kyjiw, Warschau und Belgrad, Minsk und Chișinău, Budapest und Sarajevo liegen unterschiedliche Sprachen, Geschichten, politische Konflikte und gesellschaftliche Er-fahrungen. Schon der Begriff „Osteuropa“ verdeckt oft mehr, als er erklärt. Er macht aus sehr verschiedenen Gesellschaften schnell eine vermeintlich homogene Peripherie, über die im Westen gesprochen wird. Mich interessiert weniger, was diese Länder angeblich kulturell miteinander verbindet, als die Frage, welche Macht- und Eigentumsverhältnisse sie miteinander und mit Deutschland und Westeuropa verbinden.
Seit dem Ende des Staatssozialismus wurden Betriebe privatisiert, Märkte geöffnet und Eigentumsverhältnisse grundlegend verändert. Westliches Kapital fand neue Absatzmärkte, Produktionsstandorte und vergleichsweise billige Arbeitskräfte. Gleichzeitig gingen Millionen Menschen dorthin, wo ihre Arbeit besser bezahlt wurde – auch nach Deutschland. Diese Bewegungen gehören zusammen. Kapital wandert dorthin, wo Arbeit billig ist; Menschen wandern dorthin, wo ihre Arbeit mehr wert ist.
Deshalb ist das, was in Ostrava, Łódź, Budapest oder Belgrad passiert, für mich keine ferne Regionalgeschichte. Deutsche Konzer-ne produzieren dort, deutsche Handelsketten verkaufen dort, deutsches Kapital investiert dort. Gleichzeitig halten Pflegekräfte, Bauarbeite*rinnen, Fahrer*innen, Erntehelfer*innen und andere Beschäftigte aus diesen Ländern Teile der deutschen Wirtschaft und sozialen Infrastruktur am Laufen.
Wenn ich über eine Siedlung in Ostrava, eine Fabrik in Liberec oder eine Demonstration in Bratislava schreibe, schreibe ich deshalb immer auch ein Stück weit über Deutschland. Über die Verhältnisse, von denen deutscher Wohlstand profitiert. Über Arbeit, Eigentum und Abhängigkeit. Und darüber, wer die Entscheidungen trifft und wer mit ihren Folgen leben muss.
Gegenverkehr soll deshalb kein Blog sein, der vom sicheren westlichen Aussichtspunkt nach „Osteuropa“ schaut und erklärt, was dort schon wieder schiefgeht. Mich interessiert die entgegengesetzte Bewegung genauso: Was erzählt Ostrava über deutsche In-dustriepolitik? Was erzählt polnische Arbeitsmigration über den deutschen Arbeitsmarkt? Was erzählt der Kampf um Wohnungen in Prag über Eigentum und Verwertung in Berlin? Und was können politische Kämpfe dort über unsere Verhältnisse hier sichtbar machen?
Daher der Name Gegenverkehr. Der Blick soll nicht nur von West nach Ost gehen. Ideen, Erfahrungen, Widersprüche und Kämpfe bewegen sich in beide Richtungen.
Diese Länder bilden wahrscheinlich keine gemeinsame politische oder kulturelle Einheit. Aber ihre Unterschiede und ihre Verbindungen lassen etwas Größeres erkennen: wie Macht und Kapitalismus in Europa organisiert sind.
Europa lässt sich nicht allein aus Berlin, Brüssel oder Paris verstehen. Man muss auch von Prag, Kyjiw, Minsk, Chișinău, Sarajevo oder Ostrava aus zurückschauen.
Genau das versucht Gegenverkehr.

