Der Feuerlöscher und das Kapital – Grzegorz Brauns scheinheiliger Kampf gegen das Establishment
Es gibt eine merkwürdige Eigenheit der extremen Rechten. Sie behauptet unablässig, gegen das Establishment zu kämpfen – und schafft es doch zuverlässig, niemals dort anzukommen, wo das Establishment tatsächlich sitzt.
Grzegorz Braun, Regisseur, Publizist und heute Vorsitzender der rechtsextremen Konfederacja Korony Polskiej, ist dafür ein beinahe lehrbuchhaftes Beispiel. Internationale Bekanntheit erlangte er, als er im polnischen Parlament mit einem Feuerlöscher die Chanukka-Menora löschte und die Zeremonie als „satanischen Kult“ bezeichnete. Später forderte er im Europäischen Parlament, die „Judaisierung Europas“ zu stoppen, bestritt die historische Evidenz der Gaskammern und erklärte die Europäische Union zum Instrument der Zerstörung der polnischen Nation. Es ist ein politisches Zauberkunststück: Während alle auf den Feuerlöscher blicken, verschwindet das Kapital aus dem Blickfeld. Bei der Präsidentschaftswahl erhielt Braun mehr als 1,2 Millionen Stimmen – weit mehr, als viele Beobachter erwartet hatten.
Diese Zustimmung erklärt sich jedoch nicht dadurch, dass Millionen Polinen und Polen plötzlich antisemitische Verschwörungstheorien entdeckt hätten. Sie speist sich aus realen gesellschaftlichen Erfahrungen. Polen gilt häufig als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Transformation nach 1989. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs, ausländische Investitionen flossen ins Land, Autobahnen entstanden, ganze Regionen wurden modernisiert. Gleichzeitig entwickelte sich das Land zu einem Niedriglohnstandort innerhalb der Europäischen Union. Internationale Konzerne profitierten von günstigen Produktionsbedingungen, während viele Beschäftigte trotz wachsender Produktivität nur begrenzt am Wohlstandszuwachs teilhatten. Die Wohnkosten stiegen schneller als viele Einkommen, öffentliche Dienstleistungen wurden vielerorts ausgedünnt, ländliche Regionen verloren Arbeitsplätze und junge Menschen wanderten ab. Die Widersprüche sind real. Entscheidend ist die Frage, wie sie politisch erklärt werden.
Genau hier beginnt Brauns Erfolg.
Er präsentiert sich als kompromissloser Gegner des Establishments. Doch seine politischen Feindbilder richten sich fast ausschließlich gegen kulturelle Symbole, Minderheiten und internationale Institutionen – nicht gegen jene Eigentums- und Machtverhältnisse, die die kapitalistische Gesellschaft strukturieren. Während der Pandemie machte er den Kampf gegen die WHO, Impfungen und Corona-Maßnahmen zu seinem zentralen politischen Projekt. Ebenso prägen Kampagnen gegen LGBT-Rechte, Schwangerschaftsabbruch, Migration oder die Europäische Union seine öffentliche Präsenz. Der gesellschaftliche Konflikt erscheint bei Braun stets als kultureller oder moralischer Konflikt, niemals als ökonomischer.
Braun inszeniert sich gern als Revolutionär. Tatsächlich fordert er eine „Konterrevolution“ gegen Liberalismus, Säkularismus und die politische Ordnung nach 1989. Revolution bedeutet für ihn jedoch nicht die Überwindung kapitalistischer Herrschaft, sondern deren autoritäre Neuorganisation. Nicht Markt, Profit oder Privateigentum geraten ins Visier, sondern Demokratie, Pluralismus und individuelle Freiheitsrechte. Er bekämpft die liberaldemokratische Form des Kapitalismus – nicht seine ökonomische Grundlage.
Gerade darin liegt die gesellschaftliche Funktion seiner Politik. Sie verschiebt soziale Konflikte aus der Sphäre der Produktion in die Sphäre der Kultur. Wo über Eigentum, Klassenverhältnisse und wirtschaftliche Macht gesprochen werden müsste, spricht Braun über nationale Identität, Religion und moralischen Verfall. Aus ökonomischen Gegensätzen werden kulturelle Fronten.
…

