Wenn das Kapital Urlaub braucht, geht der Nationalismus zur Arbeit
Wer verhindern möchte, dass über Eigentum gesprochen wird, braucht heute nicht einmal die Presse zu kontrollieren. Oft genügt ein nationalistischer Skandal. Plötzlich spricht kaum jemand mehr über Korruption, soziale Ungleichheit oder die Macht großer Konzerne. Stattdessen geht es um Nation, Geschichte und Identität. Das klingt wie ein zynischer politischer Witz. Tatsächlich lässt sich dieses Muster in Krisenzeiten immer wieder beobachten.
Genau das lässt sich derzeit in Serbien beobachten.
Eine Äußerung der serbischen Ministerin Snežana Paunović sorgt derzeit international für Empörung. In einem Fernsehinterview erklärte sie, an Slobodan Miloševićs Stelle hätte sie 1998 eine ethnische Säuberung der Kosovo-Albaner durchgeführt – „ohne sie zu liquidieren“, wie sie hinzufügte, sondern indem sie sie aus dem Kosovo vertrieben hätte. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Europäische Union verurteilte ihre Aussagen scharf, die Regierung in Pristina sprach von einer Verherrlichung von Kriegsverbrechen, und binnen weniger Stunden richtete sich die internationale Aufmerksamkeit erneut fast ausschließlich auf Kosovo.
Die Empörung ist berechtigt. Wer ethnische Säuberungen relativiert oder rechtfertigt, überschreitet eine politische und moralische Grenze. Vučić und die Regierung haben sich von der Aussage nicht distanziert. Innenminister Ivica Dačić verteidigte Paunović offensiv und drehte den Vorwurf um: Er sprach von der Vertreibung Zehntausender Serben aus Kosovo seit 1999. Paunović selbst entschuldigte sich – nicht bei Kosovo, sondern bei Vučić, mit dem Argument, ihre Worte seien aus dem Kontext gerissen worden. Und die Aussage kommt nicht aus dem Nichts: Schon 2022 forderte Paunović als Vizeparlamentspräsidentin die Verhaftung und Ausweisung des einzigen albanischen Abgeordneten Serbiens. Gerade deshalb lohnt es sich, den Blick über den unmittelbaren Skandal hinaus zu richten. Der eigentliche Erkenntnisgewinn liegt weniger in den Worten einer Ministerin als in der Dynamik, die sie auslösen. Warum gelingt es nationalistischen Provokationen immer wieder, öffentliche Debatten zu dominieren? Weshalb geraten soziale und ökonomische Konflikte so zuverlässig aus dem Blick, sobald nationale Identität, historische Feindbilder oder kulturelle Bedrohungen die Schlagzeilen bestimmen?
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