Belfast: Das Haus brennt. Schuld ist der Nachbar
Stell dir vor, jemand zündet dein Haus an. Die Flammen schlagen durchs Dach, die Fenster platzen, die Mauern bekommen Risse. Jahre später taucht ein Fremder auf, stellt seinen Koffer vor den Trümmern ab – und plötzlich sind sich alle einig: Der war’s.
Oder anders: Fabriken schließen, Sozialwohnungen verschwinden, Investoren kaufen ganze Straßenzüge auf und Regierungen kürzen Sozialleistungen. Dreißig Jahre später zeigt jemand auf eine Flüchtlingsfamilie und erklärt: Dort liegt die Ursache eures Elends.
Absurd? Nicht absurder als viele Erklärungen, die derzeit für die Ausschreitungen auf der Shankill Road in Belfast angeboten werden. Natürlich sind Menschen wütend. Die eigentliche Frage ist nur: Warum richtet sich diese Wut so zuverlässig gegen diejenigen, die weder die Krise verursacht haben noch die Macht besitzen, sie zu beenden?
Die Shankill Road war nicht immer arm. Sie war einst Teil einer der bedeutendsten Industriestädte Europas. Belfast baute die Schiffe des Britischen Empire. Die Stadt war kein Randposten, sondern eines seiner industriellen Kraftzentren. Generationen von Arbeiter*innen fanden Beschäftigung in Werften, Maschinenbaubetrieben und Fabriken. Die Arbeit war hart, oft gefährlich und selten glamourös. Doch sie bot etwas, das heute vielen wie eine ferne Erinnerung erscheinen muss: ein regelmäßiges Einkommen und die Aussicht auf ein einigermaßen planbares Leben.
Dann kam die Deindustrialisierung. Ein merkwürdiges Wort. Es klingt, als wäre das einfach so geschehen – wie ein Naturereignis oder ein Wetterumschwung. Hinter diesem harmlosen Begriff verbergen sich politische Entscheidungen, die die materielle Basis ganzer Gemeinschaften zerstörten. Fabriken schlossen. Arbeitsplätze verschwanden. Mit ihnen verschwand die Zukunft vieler Stadtteile. Was über Generationen das Leben getragen hatte, wurde innerhalb weniger Jahrzehnte systematisch abgebaut.
Diese Entwicklung traf jedoch nicht auf eine intakte Gesellschaft. Nordirland war bereits tief gespalten. Die Teilung Irlands im Jahr 1921 schuf eine politische Ordnung, deren Stabilität wesentlich auf der Loyalität der protestantischen Bevölkerungsmehrheit gegenüber der britischen Krone beruhte. Wohnungsmarkt, Arbeitswelt und politische Institutionen zementierten die konfessionelle Spaltung über Jahrzehnte. Die Segregation vieler Stadtteile war deshalb nicht bloß Ausdruck kultureller Unterschiede, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Der britische Staat trat dabei nie als neutraler Schiedsrichter zwischen zwei Lagern auf, sondern war selbst Teil des Konflikts.
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