Ratko Mladić: Ein Mann ist tot – der Mythos lebt

Mehr als 8.000 Bosniaken wurden im Juli 1995 innerhalb weniger Tage von serbischen Streitkräften abgeschlachtet: der Völkermord von Srebrenica.

Ratko Mladić ist tot. Der wegen Völkermords und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilte ehemalige Kommandeur der bosnisch-serbischen Armee bleibt dennoch eine umkämpfte Figur. Während Überlebende und Angehörige der Opfer an die Verbrechen von Sarajevo und Srebrenica erinnern, verklären Nationalisten Mladić bis heute zum „Verteidiger der Serben“. Der Autor Ian Nadge zeigt, wie um die Erinnerung an den Kriegsverbrecher gerungen wird.

Es war ein unspektakulärer Vorgang, wie er sich in Krankenhäusern jeden Tag abspielt. Nach einem Todesfall wird ein Zimmer geräumt, persönliche Dinge werden in einen Beutel gelegt, Matratze und Bettgestell werden desinfiziert und das Bett frisch bezogen. Wenige Minuten später ist der Raum bereit für den nächsten Patienten. Der Tod kennt keine Dienstgrade.

Auf der Trage lag Ratko Mladić, ehemaliger Kommandeur des Hauptstabs der Armee der Republika Srpska – und verurteilter Kriegsverbrecher und Völkermörder. Er starb am Donnerstag, dem 27. August, im Alter von 84 Jahren während eines Krankenhausaufenthalts in Den Haag. Der Internationale Residualmechanismus für Strafgerichtshöfe (IRMCT) bestätigte seinen Tod. Zuvor war Mladić in der UN-Detention Unit (UNDU) in Scheveningen inhaftiert. Zum Zeitpunkt seines Todes wartete er auf die Überstellung in einen Staat zur Vollstreckung des verbleibenden Teils seiner Strafe.

Das internationale Strafverfahren gegen ihn war längst abgeschlossen. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) verurteilte Mladić am 22. November 2017 wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft. Die Berufungskammer des IRMCT bestätigte die Schuldsprüche und die Strafe am 8. Juni 2021.

Mit Mladić starb einer der zentralen militärischen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte. Das Strafverfahren ist beendet. Sein Vermächtnis bleibt umkämpft. Wer verstehen will, wofür Mladić erinnert werden wird, muss nicht nach Den Haag fahren, sondern nach Sarajevo.

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