Wenn Faschos plötzlich Geschlecht entdecken
Der Fall der Neonazi-Aktivist*in Marla-Svenja Liebich wurde zum Auslöser einer breiten Debatte über trans* Personen – obwohl er vor allem zeigt, wie erfolgreich rechte Provokationen die öffentliche Agenda bestimmen können. Statt über faschistische Organisierung zu sprechen, dreht sich die Diskussion um Geschlecht und Identität. Ein Kommentar von Ian Nadge über Medienlogik, rechte Provokation und Kulturkampf.
Es gibt politische Debatten, die entstehen aus gesellschaftlichen Konflikten heraus. Und dann gibt es politische Debatten, die entstehen, weil Redaktionen beschließen, dass ein absurder Einzelfall plötzlich das Zentrum gesellschaftlicher Realität darstellen soll. Der Fall der rechtsextremen Person Marla-Svenja Liebich gehört offensichtlich zur zweiten Kategorie.
Eine verurteilte Neonazi-Größe kassiert eine Haftstrafe, ändert den Geschlechtseintrag, fordert, in einem Frauenknast inhaftiert zu werden, flieht dann aber vor dem Haftantritt nach Tschechien, wird dort festgenommen und soll nun ausgeliefert werden – so weit, so rechtsextrem.[i]
Doch erstaunlicherweise reden alle nicht mehr über Volksverhetzung, rechte Organisierung oder faschistische Netzwerke. Stattdessen entflammt abermals eine Gender-Debatte über trans* Personen, die nicht das Geringste mit dem Fall zu tun haben. Diese Tatsache allein offenbart den Zustand unserer politischen Debattenkultur.
Denn die Geschwindigkeit, mit der die öffentliche Diskussion von den Taten einer rechtsextremen Szenegröße zur Neuverhandlung der Geschlechterpolitik wechselt, ist bemerkenswert.
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